Bad König

Die Entdeckung der Stahlbrunnen

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Zufrieden schaute sich der Wirt Ludwig Schnauber im Schankraum um. Sein Gasthof „Zur Traube“ war gut gefüllt. Das trübe und kalte Wetter des Januars 1891 hatte die Menschen von König auf der Suche nach Wärme und Gesellschaft zu ihm geführt. An den Tischen saßen die Landarbeiter, der Steinmetz und der Hufschmied, seine Freunde der Arzt und der Apotheker Buchhold. „Herr Wirt, noch einen Krug Bier!“ schallte es immer wieder zu ihm hinüber. Nach einem Blick über den Tresen winkte er Anna, die Magd, zu sich: „Anna, nimm einen Korb Krüge und wasch sie im Brunnen aus. Aber pass auf, der Boden im Hof könnte glatt sein!“ Anna griff den großen Weidenkorb und schleppte ihn hinaus in die Dunkelheit – kurz darauf schallte ein Schrei durch das Wirtshaus, begleitet von einem klirrenden Geschepper. Der Wirt rannte raus, ihm auf den Fersen folge der Dorfarzt und der Apotheker. Sie fanden Anna am Boden, umgeben von zerschmetterten Krügen und mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der Boden war so glatt gefroren, dass sie nur vorsichtig zur Magd rutschen konnten. Schnell holten sie Decken und halfen der Magd auf, der Arzt begleitete sie auf ihre Kammer und schaute ihren dick geschwollenen Arm an. Später, als er wieder in den Schankraum kam, hatte ihm der Wirt schon einen Krug mit Bier auf den Platz gestellt. „Den Krug hast Du Dir redlich verdient, besten Dank mein Freund“, begrüßte ihn der Wirt. „Danke Dir – aber Deine Krüge wirst du in nächster Zeit selbst waschen müssen, die Anna, die hat ihren Arm gebrochen!“ Auf diese Nachricht hin zapfte sich auch der Wirt ein Bier und setzte sich zu seinen Freunden. „Es ist jeden Winter das gleiche!“, ärgerte er sich: „Der Weg zum Brunnen ist zu umständlich und im Winter dazu noch gefährlich. Ich bräuchte Wasser hier im Wirtshaus!“ Was wäre besser, als einen eigenen Brunnen im Keller zu haben, den man trockenen Fußes gefahrlos erreichen konnte? Von der Idee beseelt, trennten sich die Freunde. Gleich am nächsten Morgen holte der Wirt Handwerker, die ihm im Keller einen Brunnen bohren sollten. Nur ein Haus weiter hatte sich auch der Apotheker entschlossen, die Idee in die Tat umzusetzen, denn er hatte immer viele Gläser und Flaschen zu reinigen. Und tatsächlich, schon bald sprudelte das Wasser im Keller der „Traube“ und der Apotheke. Aber der ersten Freude folgte Ratlosigkeit: Alles, was mit dem Wasser in Berührung kam, bildete einen braunen, nach Rost aussehenden Ansatz. Mit dem dreckigen Wasser konnten weder Krüge noch Gläser gespült werden. Neugierig geworden, beschloss Schnauber, das Wasser beim chemischen Untersuchungsamt in Darmstadt begutachten zu lassen. Flugs erhielt er von dort die Nachricht, dass das Wasser einen hohen Eisen- und Mangangehalt habe und damit ein Stahlwasser sei. Das Wasser war zur Kur geeignet! Die frohe Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Ort. Statt Flaschen zu spülen, wurden nun in beiden Kellern kleine Badezellen eingerichtet und die Möglichkeit geschaffen, sich Wasser für eine Trinkkur abzufüllen. Den Brunnen in der Traube nannte man „Luisenbrunnen“, der in der Apotheke wurde „Hausbrunnen“ genannt. Als später dann im Apothekersgarten eine weitere Bohrung vorgenommen wurde, erhielt die 1902 gefasste Quelle einen neuen Namen. Zu Ehren des Fürstenpaares Gustav und Marie zu Erbach-Schönberg, das damals im Schloss seinen Wohnsitz hatte, heißt sie seither „Gustav und Marien-Quelle“.