Bad Camberg

Die Atzeln von Camberg

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Wer durch die Straßen des schönen Städtchens Camberg geht, den Kragen gegen die Kälte hochgeschlagen und die Hände tief in den wärmenden Taschen versteckt, hört hier und da und ganz leise ein zartes Pfeifen. Deshalb heißt es: Die Ohren gespitzt und genau hingehört, denn das Pfeifen wird zu einer Melodie. Es ist ein Lied über die Atzeln – so nennt der Landmann die schwarzweißen Elstern – die einst das Städtchen Camberg gerettet haben.

Kaum 500 Jahre ist es her, da war die Lapperei und Lumperei im „Goldenen Grund“ noch in voller Blüte. Die ganze wunderbare Gegend um Camberg war jedoch unter den verschiedensten Herrscherfamilien aufgeteilt. So hatte um das Jahr 1355 Graf Adolf von Nassau Idstein den kleinen Ort Walsdorf und das Kloster mit einer dicken, festen Ringmauer mit Türmen und Toren umgeben und verlieh ihm Stadtrechte. Alle Einwohner wurden für frei erklärt, und nur vor den Toren durften sich auch unfreie Leute ansiedeln. Sie nannten sich in aller Bescheidenheit Walsdorfer, während die Menschen in den Stadtmauern „Waldstädter“ gerufen wurden. Darüber mochte sich niemand mehr lustig machen als die Camberger, und das wiederum ärgerte die Walsdorfer. Deshalb wollten sie den Cambergern einen Denkzettel verpassen, den sie nicht so leicht vergessen sollten. Es war zu Beginn des Jahres 1357. In aller Stille war in Walsdorf gerüstet worden; mehrere hundert Geharnischte hatten sich im Schutze der Mauern versammelt. Sie hatten erkundet, dass die Camberger den Gründungstag ihrer Feste in diesem Jahre am Dreikönigstage außergewöhnlich feierlich begehen wollten. Das Dorf Würges, das zwischen den Mühlsteinen spielen musste, scheint durch Drohen zum Schweigen gebracht worden zu sein. Denn im Schutz der Dunkelheit und die Schritte vom Schnee gedämpft, gelangte der riesige Haufen der Walsdorfer in der kalten Winternacht bis unter die Mauern von Camberg. In der bedrohten Stadt schlief alles, kein Licht erleuchtete die Nacht. Sogar die Wächter waren nach zu viel Wein eingenickt. Auf einmal aber, als die Walsdorfer schon kurz vor dem Angriff waren, erhob sich ein fürchterliches Geschreie und Gekreische. Die Elstern, die in den Mauern der Stadt lebten, schlugen Alarm und weckten mit ihrem Lärm die Wächter und Bürger der Stadt. So konnten die Camberger schnell zu den Waffen greifen und die Walsdorfer schmählich „darniederlegen“ und ihre „Lederwämser wurden gegerbt, als ob sie des Gerbens erst bedurft hätten“ … so heißt es in alten Chroniken. Es ist nicht zu erfahren, wie groß der Schaden der Walsdorfer war; aber sie haben wohl niemals mehr die Nachtruhe ehrlicher Leute gestört. Die Elstern jedoch werden von den Cambergern seither geehrt und sogar in einem Lied verewigt, das manchmal in einer ruhigen Winternacht noch zu hören ist. Man muss nur genau hinhören …