Königstein im Taunus

Das Kurbad

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So etwas wie mich hatte sie in den vielen Jahren, die sie über Königstein wachte, wohl noch nicht gesehen. Dabei wollte ich dieser großen, mächtigen Burg, die dort drüben auf der kleinen Anhöhe thronte, doch unbedingt gefallen.  

So richtig konnte ich aber nicht darüber nachdenken. Mit großen Pinseln und sanften, weichen Farbrollen kitzelten mich im Moment ganz viele Menschen. Sie zogen Linien und zeichneten Drei- und Vierecke. Andere wiederum brachten große und kleine Fliesen herein und verteilten sie in bunten, glänzenden Farben. Blau, schwarz, weiß und kräftiges orange: ich konnte es gar nicht fassen, dass alle diese Farben für mich waren. Ab und zu winkte ich der Burg auf der anderen Seite zu, die selbst aus dem Staunen nicht mehr heraus kam.

Von allen unbemerkt, ganz früh am Morgen des 12. Juni 1977 sprach die Burg zu mir: „So, so, Du bist also das Kurbad. Du bist wirklich ganz schön orange und blau. Aber, ich muss sagen, du gefällst mir!“ Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie sehr ich mich gefreut habe. Ich, das Kurbad, gefalle dieser mächtigen Burg, die schon so viel erlebt hat! Ein Glanz legte sich auf meine Farben, so stolz war ich.

Natürlich wollte ich das gleich Herbert-Otto Hajek erzählen, der die Farben für mich ausgesucht hatte. Aber mir blieb keine Zeit. Die Tür öffnete sich und meine ersten Gäste kamen. Sie spazierten über den blauen Teppich und kamen bald zu dem großen Becken, um zu schwimmen. Oder sie setzten sich in die Sonne und schauten auf die Altstadt und die grünen Hügel des Taunus.

Hallo Burg! Jetzt schau doch mal, Burg. Da leuchtet es ganz gelb. Hast Du das schon gesehen? Ich war ziemlich aufgeregt in jenen Tagen im Februar 1989. Das Außenbecken hatte ich mir so lange gewünscht, dass ich meine ersten Gäste kaum erwarten konnte. „Jetzt beruhige dich doch“, raunte die Burg mir zu. Von hier oben aus kann ich alles ganz genau sehen. Ich werde gut auf dich und deine Gäste aufpassen, versprach die Burg mir. An ihren Zinnen, die in der Sonne strahlten, konnte ich genau sehen, wie sehr sie sich freute.

Seither kommen jeden Tag viele Menschen zu mir. Sie spazieren mit großen Taschen über den blauen Teppich, der sie durch das Haus in das Schwimmbad führt. Ich mag diese Stunden am frühen Morgen, wenn die Schulkinder fleißig trainieren und die ersten Gäste – meine Frühschwimmer – darauf warten, in „ihr“ Kurbad zu gehen. Viele meiner Freunde sind noch ganz klein, dann muss ich natürlich besonders aufpassen. An den Nachmittagen sehe ich oft zu, wie meine kleinen Wassergeister das Schwimmen lernen. Darauf bin ich natürlich besonders stolz. Und wenn meine kleinen Gäste vor Freude jubeln, quietschen und fröhliches Kinderlachen an den Wänden wieder halt, bin ich glücklich. Das sind meine schönsten Momente.

Die Burg und ich sind im Übrigen sehr gute Freunde geworden. Jeden Morgen in aller Frühe, so dass es niemand merkt, winken wir uns zu. Dann erzählen wir uns von den unglaublich, schönen Dingen, die in Königstein passiert sind und manchmal verrate ich ihr, wer schon alles bei mir, im Kurbad, schwimmen gelernt hat.