Bad Vilbel

Die Quellennixe

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Aus lichtem Sommergewölk rann die Morgensonne wie flüssiges Gold über die waldesdunklen Höhen in das Talgelände der Nidda und spiegelte sich in den Marmorsäulen vor dem Eingang des Heilbades, das die Römer zwei Jahrzehnte früher über der heiligen Quelle der ehemaligen Herrn des Grundes bei Felwila (heutige Vilbel) errichtet hatten.

Die Schatten ließen einst das Wasser in einem Weiher zusammenlaufen und badeten unter Gottes freiem Himmel darin. Doch das war nichts für den verfeinerten römischen Geschmack, der auch fern der Heimat für das Bad geschlossene Räume sowie eine schöne künstlerische Umgebung verlangte. Sie trug auch etwas dazu bei, Körper und Gemüt zu erquicken und den Sinn mit heiteren, ja oft sogar stolzen Gedanken zu erfüllen.

Bestätigte sich das nicht auch wieder an dem jungen Wildbauer, der eben in sich versunken auf den Mosaikteppich der Vorhalle blickte? Wie anders sah er heute aus als vor etwa acht Wochen! Zu jener Zeit kam er nach einer schweren Krankheit mit dem beginnenden Frühling bleich und elend hier an. Keinen Denar hätte der kurz zuvor damals von Rom eingetroffene, in allen Künsten des Knetens erfahrene Bademeister für das Leben des angesehenen Künstlers gegeben. Und dennoch stand er jetzt wieder da, blühend, kräftig und verjüngt; dazu voll merklicher Freude über das Werk eines anderen Meisters.

Der Eingetretene nickte dem jungen Mann zu und meinte mit einem Blick auf den von einer dünnen Wasserschicht überrieselten und in der Sonne funkelnden Mosaikboden (der Mosaikboden aus dem Römerbad bei Vilbel befindet sich heute im Großherzoglichen Museum zu Darmstadt):

„Auch ich kann mich nicht satt daran sehen. Schön ist er wirklich!“
„Ja, aber das nicht allein, ein Meisterwerk ist er in jeder Hinsicht.“
„Und der es geschaffen, trägt Euren Namen. – Merkwürdig, wirklich merkwürdig!“

„O, keineswegs!“ lächelte der Genesene. „Bindilius Pervincus war mein Vater. Vor zwanzig Jahren haben sie ihn von Rom hierher geholt, um dies Bild zu schaffen. Habt Ihr noch nichts davon gehört?“ „Nein“, gestand der Bademeister ehrlich. „Tag für Tag hat es mich bei meiner schweren Arbeit erquickt, zu schauen, wie wohl sich das lustige Gewimmel da im Wasser fühlt, an seinen Schöpfer habe ich aber nicht weiter gedacht:“„So geht es dem Künstler“ meinte Marcus Pervincus, „dem bedeutendsten zu allermeist. Und es ist ein schönes Los, über die eigne Schöpfung vergessen zu werden.“

„Jedenfalls aber haben die Götter dies Werk nie aus den Augen gelassen,“ erwiderte der Bademeister mit großer Wichtigkeit und hob den rechten Zeigefinger hoch. „ Sie ließen Euch dafür genesen und die Quellennixe selbst aus dem Erdendunkel emporsteigen, um die Heilkraft des Wassers dreifach zu segnen.“

„Was sagt Ihr da, ich verstehe Euch nicht?“ gab Pervincus betroffen zurück und heftete die großen dunklen Augen gespannt auf den anderen. Dieser konnte aber nicht antworten. Ein Wärter trat ein und rief ihn zu einem kranken Krieger, der seiner Hilfe bedurfte.

In merklicher Unruhe folgten die Blicke des jungen Römers dem Abgehenden. Dann betrachtete er wieder die Seelentauren, den auf einem Delphin wohlig durch die Wellen gleitenden Gros, den Seelöwen, das Seeroß, und die anderen Fabelwesen im Mosaikbilde des Bodens, jedoch diesmal ohne innere Anteilnahme und nicht mit dem Ergötzen, das ihm sonst diese Gestalten und die aufs glücklichste mit ihnen in Verbindung gesetzten Schnecken, Muscheln und allerlei Wassertiere, besonders aber der Schwan und die beiden Enten mit ihrem prächtigen Farbenschmuck, immer bereitet hatten.

Die Gedanken des Künstlers beschäftigten sich nicht mehr mit der poetischen Darstellung, die sein verstorbener Vater dem munteren harmlosen Treiben der Wasserwelt gegeben, sie wanderten andere Wege und hafteten zunächst an der Marmorgestalt der jugendlichen Quellennixe in einer Nische der Seitenwand. Vor einem Jahre hatte er sie geschaffen, ehe ihn das schleichende Fieber auf dem Taunuskastell daniederwarf. Zwar war ihm das Werk nach seiner Meinung nicht so gelungen wie die Statue des Kaisers Antonius Pius, seines edlen Gönners, dennoch liebte Marcus dies Steingebilde wie ein leibhaftiges Wesen. Was ihm, wie er wähnte, mangelte, was seine Hand trotz quälendem und beseligendem Schaffensdrang der Natur nicht vollkommen nachzubilden vermochte, das ergänzte eben seine Phantasie und sein von heißer Sehnsucht erfülltes Herz.

Wie er sie liebte, die goldblonde Tochter dieses wilden germanischen Stammes! Ihre braunen Rehaugen, eigentümlich reizvoll ein klein wenig schief der fein geformten Nase zugeneigt, erschienen ihm als die schönsten Seelenspiegel der Welt. Und dann dieser leicht geschwellte Mund, die biegsame Gestalt, die wunderbar gebildeten Hände! Ahnungslos hatte er ihnen die Schale der Genesung zu halten gegeben, aus der er selbst mit starkem Lebenswillen trinken sollte. Was waren alle römischen Damen, die der Künstler früher einmal schön gefunden, gegen dies arme elternlose und unbewusst reizvolle Kind aus der Waldhüterhütte unfern dem Kastell auf der Taunushöhe.

Marcus Pervincus fuhr sich in innerer Unruhe durch das dunkle Lockenhaar. In welche Kämpfe stürzten doch oft die Götter das arme Menschenherz, dem sie erst kaum ihre Gnade erwiesen! – Noch wenige, Tage, dann musste er die Fahrt nach Rom antreten; denn die leidende Mutter verlangte nach ihm. Und nicht nur die Pflicht, nein, wirklich echte Kindesliebe drängte Marcus, diesen Wunsch zu erfüllen, aber das Herz blutete ihm doch, wenn er an – ihren eigentlichen Namen vermochte er nicht zu denken, geschweige denn auszusprechen - an Emilia, wie er sie nach einer teuren Verstorbenen unwillkürlich nannte, dachte! Er wusste, sie war ihm gut, aber gut wie die Schwester dem älteren Bruder. Von Liebe und Liebesopfern wusste das harmlose Wesen noch nichts, sollte es auch nichts wissen! Marcus wollte ein Mann sein, die Leidenschaft bändigen und die wichtige Frage nicht an Emilia richten. Trotz dieses heroischen Aufschwungs ruhte sein Blick aber wieder sehnsüchtig auf der wie in goldene Schleier gehüllten Quellennixe, entrang sich seiner Brust ein tiefer, gepresster Seufzer.

Gleichzeitig wurde in einem offenen Seitenausgang die eingesunkene Gestalt eines Greises sichtbar, der auf Krücken ging. Allein so elend der Alte auch aussah, er hatte ein lustiges Schelmengesicht und zwei funkelnde, schalkhafte Augen. „Was seufzt und stöhnst du so, Marcus!“ rief er spöttisch. „Hast’s nicht nötig, bist jung und gesund!“

Der schlanke Römer eilte zu dem ehemaligen Zenturio, half ihm behutsam auf die Steinbank mit der Aussicht nach der heute in violettem Duft liegenden Kette des Taunus, und sagte, ohne auf dessen Zuruf einzugehen: „Ein schönes Bild, nicht?“

„Freilich, freilich! Aber es sind nicht die sieben Hügel von Rom! Könnt ich dich begleiten, Marcus Pervincus!“

Der Künstler sprach sein Bedauern darüber aus, und meinte dann noch: „Einen Reisegefährten wie Ihr, den nichts um die gute Laune bringen kann, möchte ich wohl bei mir haben!“

„Besser wär aber für dich doch eine Reisegefährtin,“ erklärte der Alte mit zwinkernden Blicken. „Vielleicht eine lebendige Quellennixe.“

„Wie meint Ihr das, Ursin?“

„Nun, ich meine, “ schmunzelte dieser, „was man haben kann, soll man nicht verschmähen. In Ehren, natürlich, in allen Ehren! Als dein Weib musst du sie mitnehmen.“

Pervincus fuhr zurück. Seine Stimme bebte, als er fragte: „Wen soll ich denn als mein Weib mitnehmen?“

„O, du scheinheiliger Geselle, du!“ lachte Ursin. „Lahm bin ich wohl, aber nicht blind. Und mein alt Herz weiß auch heut noch, was es bedeutet, wenn ein so jung Ding ein paar Mal in der Woche Meilen läuft, um zu hören, wie es um einen steht. Ja, was noch mehr ist, in Geduld und gehorsam ich auch wieder von dannen ging, sobald es hieß, er darf noch niemand wiedersehen, sonst könnt es ihm schaden.“

Klopfenden Herzens und mit angehaltenem Atem hatte der Künstler zugehört. Mühsam niedergehaltene Rührung im Ton, versetzte er dann: „Und das alles hätte Emilia für mich getan?“

„Ja, ja. Weißt du denn nichts davon?“„Nichts“, wiederholte der andere etwas gereizt.

„Nun, dann gönn mir’s, dem Freund deines Vaters, der Melder guter Botschaft zu sein. So was tut wohl neben all dem Gereiz, Gekneif und Gequäl! Ich verrat dir auch noch, dass ich sie heut nicht fortgelassen, sondern nur bis nach deinem letzten Bad in den Wald geschickt hab. – Bin ich nicht ein hilfreicher Schutzgott, Marcus Pervincus?“

„Bei allen Göttern, das bist du!“ rief dieser jubelnd vor Wonne und Glück. „Könnt ich dir nur ein großes Opfer darbringen!“

„Das ist nicht nötig, Marcus. Ein Schluck Wein ist mir lieber! – Darum hol mir das Krüglein mit dem letzten Rest von Frascati aus meiner Kammer. Ich will’s nachher auf dein Wohl trinken und an die Zeit denken, wo mir’s einmal ebenso zu Mut war wie dir heut!“

Der alte Centurio lächelte seelenfroh wie ein Glücklicher; Marcus aber eilte schnell nach der Gruppe kleiner Häuser unweit des Heilbades, um den Wunsch des einst so tapferen Landsmannes zu erfüllen.

Während sich dann der gliederlahme Greis eine Weile später an köstlichen Tropfen erquickte, schritt Marcus wie auf beflügelten Füßen nach dem Walde. Kaum war er in den Tannenweg oberhalb der Nidda eingebogen, da trat ihm die lebendige Quellennixe, eine Schale köstlicher Waldbeeren in den Händen, aus dem Dämmerdunkel alter Bäume entgegen. Über das Gesicht des Mädchens zog es beim Anblick des Genesenen wie heller Sonnenschein, sie streckte ihm die Rechte entgegen, aber ihr Mund blieb stumm.

Auch der Künstler vermochte erst kein Wort hervorzubringen. Die Wonne des Wiedersehens und das Staunen über den Wandel, der mit der Geliebten vorgegangen, überwältigten ihn und versagten ihm die Rede. Emilia war zwar noch immer die alte, aber ein heiliges Leid war über ihre junge Seele gegangen, und hatte ihr Klarheit über sich selbst gegeben und die Kraft zu festen Entschlüsseln in ihr geweckt. Und dieser starke Lebens- und Zukunftswille suchte einzig sein Glück. Marcus sah es an dem Ausdruck ihrer Augen, er merkte es an ihrem Wesen, das nichts von seiner holden Bescheidenheit eingebüßt hatte und doch bereit zu kühnem Handeln erschien.

Lange saßen die beiden dann nach beseligendem Finden auf dem Wurzelgeflecht einer heiligen Weide zusammen. Sie hatte von Kindesbeinen an so viel mit Römern verkehrt, um alles zu verstehen, was ihr Marcus im ersten Liebesrausch gestand und war auch imstande, ihm ohne viel Mühe die Sorge vom Herzen zu nehmen, ob die Verwandten ihrem Entschluß kein Hindernis in den Weg legen würden. Nein, daran war nicht zu denken. Wenn der Pflegebruder sich demnächst verheiratete, dann sollte sie sich ja doch anderweit ein Unterkommen suchen oder die Frau des jungen Waldhüters werden. Lieber aber wollte die junge Germanin sterben.

„Also, fahren wir nach Rom zu meiner Mutter, sobald wir Mann und Weib geworden!“ jubelte Marcus uns schloß die Geliebte in seine Arme. „Sollte dich aber die Sehnsucht nach der Heimat einmal wieder packen, Emilia, dann verspreche ich dir … -“ „Versprich nichts!“ unterbrach sie ihn. „Ich habe am heiligen Quell gelobt, dir mein Leben zu weihen, wenn dir die Götter Genesung schenken würden. Das muss ich halten, wie’s auch kommen mag!“
„Du sollst es nie bereuen, Emilia“, sprach Marcus im Ton eines Gelöbnisses und zog die Geliebte wieder an sich.

Dann erhob sich das Mädchen, pflückte drei Zweige von der heiligen Weide, unverständliche Worte dabei murmelnd. „Die wollen wir noch der Quellennixe bringen, ehe ich mit dem Zeltwagen heimfahre. Den einen Zweig, um zu danken, den andern fürs Heil der Kranken und den dritten, das Glück zu umschranken.

So ist es alter Brauch in unserem Gau. Und Brauch ist’s auch, dem Genesenen Waldbeeren zu schenken. Laß sie dir schmecken!“

Die Maid reichte dem Geliebten die Schale. Dann schritt das junge Paar, umjubelt von dem Geschmetter der Finken, dem Geflöte der Drosseln, unter rauschenden Baumkronen dem Bade zu, in dessen Nähe sich eben ein Trupp Legionäre aufstellte, um unter Aufsicht gemeinsam den Segen des heiligen Wassers zu genießen.

Emilia legte unter frommen Sprüchen der Göttin die Weidenzweige zu Füßen, während der alte Ursinus den Aufseher der Legionäre mit der Krücke abhielt, den ihm Unterstellten schon jetzt das Zeichen zum Eintritt zu geben. „Stört die Liebe nicht“, sagte der greise Centurio listig. „Die Quellennixe könnte euch schon einen Schabernack spielen. Ein Mann, der gesund werden will, muß sich mit den Frauen halten! Sie sind wie die prickelnden Perlen im heiligen Quell und ohne sie blüht keinem das Leben mehr!“

Novellette aus Vilbel’s Vorzeit
Von E. Mentzel