Bad Nauheim

Das Weihnachtswunder

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Die Nacht vom 21. zum 22. Dezember 1846 beschreibt der damalige Salinen- und Badearzt Dr. Bode als eine der schaurigsten, die Nauheim je erlebt hat:
Ein orkanartiger Sturm heulte durch die Lüfte, rüttelte an den Fenstern, fegte die Ziegel von den Dächern und ließ die Erde erbeben; dabei klatschte der mit Schnee gemischte Regen an die Fenster – man hätte meinen können, die Welt wollte untergehen.“ Die Welt ging aber nicht unter in dieser Nacht.   
Vielmehr veränderte das mit dem Unwetter einhergehende leichte Erdbeben die Geschichte des gerade erst aufstrebenden Badeortes Nauheim für immer.
Denn den Überlieferungen zufolge war der einzige Mensch, der sich in dieser ungemütlichen Nacht nach draußen wagte, der Nauheimer Nachtwächter auf seinem Kontrollgang durchs Dorf. Sein Weg führte ihn über die ehemalige Gänseweide östlich der Usa, wo einige Jahre zuvor durch Tiefbohrungen versucht worden war, hoch konzentrierte Sole zu erschließen. Nachdem die Bohrungen eingestellt worden waren, hatten Arbeiter den Schacht mit einer Balkenlage und Erde abgedeckt. Als der Nachtwächter diesen passierte, traute er seinen Augen nicht: Schäumend und dampfend brach ein mächtiger Solestrom durch die Abdeckung.
Mit den Worten „Wir haben eine neue Quelle“ wurde der Badearzt Bode am nächsten Morgen vom Salineninspektor aus dem Bett geholt. Arbeiter entfernten die Überreste der Abdeckung und offenbarten so das ganze Wunder, das Bode ergriffen beschreibt: „Aus dem bis zum Rande mit dampfender Sole gefüllten Schacht erhob sich eine mehr als mannsdicke, blendend weiße, dampfende, zischende und spritzende Schaumsäule bis zu 10 Fuß Höhe!“.
Dieser überwältigende Anblick brannte sich dem Doktor ins Gedächtnis und bescherte Nauheim den „Großen Sprudel“, der den Weg zum ersten Herzheilbad der Welt freimachte.
Noch heute ist der Große Sprudel im so genannten Sprudelhof ein Wahrzeichen der Stadt. Er ist eingebettet in eines der größten zusammenhängenden Jugendstil-Ensembles in Europa. Zum allgemeinen Entsetzen versiegte der Große Sprudel im Frühjahr 1855 für etwa sechs Wochen. Die Freude über seine Wiederkehr war so groß, dass 1855 die erste Quellendankfeier in Bad Nauheim abgehalten wurde. Im gleichen Jahr trat durch eine Bohrung ein zweiter Sprudel zutage, nur zehn Meter entfernt. Auf der heutigen Sprudelfassung ist zu lesen:

"Auf Gottes Geheiß aus der Tiefe geboren
Der Lebenden Leiden zu lindern erkoren."