Tinnitus

Tinnitus - Hessische Fachkliniken öffnen „die Tür zur Stille“
Es rauscht und brummt, klingelt und pfeift: Ohrgeräusche sind so alt wie die Menschheit. Schon im alten Ägypten wurden sie beschrieben. Auch Beethoven und van Gogh hatten sie. Fast jeder Mensch kennt dieses Phänomen, aber nicht jeder nimmt es wahr. Tinnitus kann man nicht messen und nicht hören. Tinnitus lässt sich auch diagnostisch nicht konkret nachweisen. Über 400 mögliche Ursachen kommen für seine Entstehung in Frage. Erkrankungen des Hals-Nasen-Ohren-Bereiches sind dafür ebenso verantwortlich wie zahnmedizinische Probleme. Auch internistische, orthopädische oder psychische Erkrankungen können dauerhafte Ohrgeräusche auslösen. Im Akutfall helfen oft eine Infusionstherapie und die Sauerstoffbehandlung in der Druckkammer.

Wenn der Alltag zur Qual wird
Wenn das Klingeln im Kopf nicht mehr aufhört, bleibt die Angst, die Stille für immer zu verlieren. Zwischen acht und 13 Millionen Menschen in Deutschland sind davon betroffen. Über eine Million Bundesbürger leiden so stark, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ein normales Leben zu führen. Schlafstörungen und Nervosität, Angst und Aggressivität, mangelnde körperliche und seelische Belastbarkeit bis hin zu ausgeprägten Depressionen machen den Betroffenen den Alltag zur Qual. Hilfe kommt aus dem Bäderland Hessen: Gleich zwei Fachkliniken haben sich darauf spezialisiert, ihren Patienten beim Wiederfinden von innerer Ruhe und Stille zu helfen.

Mit ganzheitlicher Therapie die „Tür zur Stille“ öffnen
Eine drastische Veränderung der inneren Wahrnehmung macht Lutz-Michael Schäfer, HNO-Arzt in der Habichtswald Klinik in Kassel-Wilhelmshöhe, für die quälenden Störenfriede verantwortlich. Zunehmende Reizüberflutung verändere die Verarbeitungskapazität des Gehirns. Filter, die bis dahin noch intakt waren, sind plötzlich defekt. Die Fähigkeit, unwichtige oder störende Geräusche in den Hintergrund zu drängen, geht unweigerlich verloren. Mit ihrer ganzheitlichen Tinnitus Retraining Therapie (TRT) wollen die Hörspezialisten der Habichtswald Klinik den Teufelskreis von Angst und Wahrnehmung des Tinnitus durchbrechen. Seit 1997 bietet hier die psychosomatische Abteilung mit ihrem Vier-Säulen-Konzept dem chronischen Tinnitus Paroli. Ein Netz von aufeinander abgestimmten ärztlichen und therapeutischen Maßnahmen ist Grundlage des Programms.

Ausführliche HNO-ärztliche Diagnostik und der Einsatz eines Noisers (Rauschgerät) stehen am Anfang der Therapie. Ein Hörakustiker sorgt für die individuelle Anpassung dieser „Wahrnehmungsumleitung.“ Auf der seelischen Ebene heißt TRT, wieder einen positiven Zugang zum Hören zu finden und mit dem Tinnitusgeräusch seinen ganz persönlichen Frieden zu schließen. Doch erst das Erkennen krank machender Verhaltensmuster und das Erlernen verschiedener Entspannungstechniken bringt den Patienten die Lebensfreude zurück. Tiefenpsychologische Einzel- oder Gruppentherapie und das Üben spezieller Bewältigungsstrategien zeigen deshalb den Weg aus der Hilflosigkeit. Krankengymnastik, Akupunktur, Lymphdrainagen und andere physikalische Maßnahmen bringen auch den Körper wieder in Form. Der Erfolg gibt dem Wilhelmshöher Therapeutenteam recht: Für einen Großteil der Patienten öffnet sich die „Tür zur Stille“ nach der vier- bis sechswöchigen Behandlung wieder.

Das Störgeräusch überhören lernen
Als kompliziertes Geschehen, das „körperliche Störungen mit psychischem Erleben koppelt“, sieht Dr. med. Gerhard Hesse, Leiter der Tinnitusklinik in Bad Arolsen, das Krankheitsbild. Das Akzeptieren des Ohrgeräusches und die medizinisch fundierte Aufklärung der Patienten ist auch für ihn der Schlüssel zum Erfolg. Aber eine nur auf die Seele konzentrierte Therapie würde zu kurz greifen und nicht den gewünschten Erfolg haben. So gehören die ausführliche Diagnostik und die Behandlung von Innenohrschäden für Dr. Hesse an den Anfang des Behandlungsplans. Das Störgeräusch überhören zu lernen, ist der nächste Schritt, sich aus dem Kreislauf der Angst zu befreien. Das verloren Gegangene neu zu erlernen, ist deshalb wichtiger Punkt auf dem Therapieplan. Schließlich ist jeder gesunde Mensch in der Lage, sich zum Beispiel auch in einer lauten Gaststätte auf seinen Gesprächspartner zu konzentrieren und störenden Lärm einfach „auszublenden“. Diese Filter funktionieren mit einem Tinnitus nicht mehr. „Wir wollen unsere Patienten wieder zu selbstbestimmten Menschen machen,“ erläutert der Chefarzt der größten Ohrenklinik Deutschlands. „Wenn das Pfeifen im Ohr seine zentrale Bedeutung verliert,“ so Dr. Hesse, „verliert es auch seine Lautstärke.“ Die meisten Patienten in Bad Arolsen haben es geschafft, sich an den neuen Ton zu gewöhnen oder ihn als ihre „neue Stille“ zu akzeptieren. Rund 30 Prozent nehmen ihn gar nicht mehr wahr.