Stottertherapie

Der Weg aus der Sprachlosigkeit
Kasseler Stottertherapie hilft erfolgreich Menschen mit Redefluss-Störung
Sprechen ist eine komplexe Angelegenheit. Nur das perfekte Zusammenspiel von Atmung und Stimmbändern, Lippen, Zunge und Gaumen macht es möglich, Worte zu formen und ganze Sätze zu sagen. Für die meisten Erwachsenen ist dieser Vorgang mühelos, alltäglich - ja beinahe banal. Für Stotterer wird jede Silbe zur Qual. In jeder Gesellschaft lebt ein Prozent der Bevölkerung mit diesem Sprech-Handicap. In Deutschland leiden 800 000 Menschen darunter. Männer sind bis zu fünfmal häufiger betroffen als Frauen. Auch Prominente bleiben nicht davon verschont. So macht der britische Komiker Rowan Atkins als „Mr. Bean” aus der Not eine Tugend. Von Marilyn Monroes Sprachbehinderung wusste kaum jemand etwas.

Der Alltag mit einer Redefluss-Störung ist ein einziger Hindernislauf. Wer an der Käsetheke auf die Sorte seiner Wahl deuten muss, weil er den Namen nicht herausbekommt oder neun Brötchen kauft, weil er „acht” nicht sagen kann, fühlt sich minderwertig und einsam. Telefonieren oder Essen im Restaurant zu bestellen, sind der blanke Horror. Jobsuche und Partnerwahl werden zum existentiellen Problem. Menschen zwischen 15 und 30 Jahren leiden wahrscheinlich besonders darunter, weil in dieser Phase die wichtigsten Lebensentscheidungen fallen. Nur selten gelingt es den Gesprächs-Partnern, unbefangen mit dem Stottern umzugehen. Verlegenes Wegschauen oder der Versuch, das fehlende Wort vorzusagen, machen die Situation nur schlimmer.

Stotterer sind nicht dumm, nicht geistig behindert. Die Ursachen dafür, dass die Sprache aus dem Takt gerät, sind noch immer ungeklärt. Zwar gibt es Anhaltspunkte dafür, dass Stottern erblich bedingt ist. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, dass eine Teilleistungs-Störung des Gehirns - ähnlich der Lese- und Rechtschreibschwäche Legasthenie - dafür verantwortlich ist.

 Therapien gibt es viele auf dem Markt. Dubiose Anbieter, vom „Heiler“ bis zum Opernsänger, wollen aus dem Leid der Stotterer Profit schlagen. Vieles wird gepriesen, was den Betroffenen das Geld aus der Tasche ziehen soll. Unseriöse Versprechen: Denn Stottern ist bei Erwachsenen nicht mehr heilbar. Hilfe kommt aus dem Bäderland Hessen. Dr. Alexander Wolff von Gudenberg erzielt mit der Kasseler Stottertherapie in Bad Emstal derart gute Erfolge, dass die Krankenkassen ihm auch schwerste Fälle schicken, die bislang woanders erfolglos therapiert wurden.

Der Bad Emstaler Facharzt für Allgemeinmedizin und Stimm- und Sprachstörungen weiß, wovon er spricht. Er stottert - doch er kann sich inzwischen problemlos verständlich machen. Dr. von Gudenberg ist einer der wenigen Erwachsenen, die ihre Sprachstörung weitgehend besiegt haben.

Die eigene Betroffenheit war es, die den jungen Arzt zur Therapie in die USA und nach Israel führte. Aus einer Form der sprechmotorischen Übungs-Therapie und mit Hilfe eines selbst übersetzten Computer-Programmes entwickelte der Sprachtherapeut sein Erfolgskonzept, in das auch seine eigenen langjährigen Therapieerfahrungen eingeflossen sind. Dauerhaft flüssigeres Sprechen ist das Ziel der Kasseler Stottertherapie: Heute können mehr als 70 Prozent seiner Patienten auf langfristige Besserung vertrauen.

Das weiche, gedehnte Sprechen zeigt den Gästen des Instituts im ländlichen Bad Emstal den Weg aus der Sprachlosigkeit. Fernab von der Hektik der Großstadt lernt der Klient im ersten Schritt, am Computer einzelne Silben bis zu zwei Sekunden lang zu ziehen und mit extrem weichen Stimmeinsatz zu bilden, ein einfaches Mittel, das den Stotterern die Kontrolle über ihre Sprache zurück gibt und die Hilflosigkeit beendet. Denn: Weiches Sprechen und Stottern schließen sich physiologisch aus. Ein moderner Multimedia-PC in jedem der gemütlichen Zimmer ermöglicht das intensive Üben der weichen Stimmführung. Mit der Zeit steigt die Geschwindigkeit, werden aus monotonen Wortwiederholungen wieder ganze Sätze.

 So vorbereitet, steht dem Training in der geschützten kleinen Gruppe nichts mehr im Weg. Hier werden neue kommunikative Fähigkeiten erlernt. Rollenspiele und Vorträge vor den Leidensgenossen bereiten auf das flüssige Reden in Alltagssituationen vor. Auch das Telefonieren mit Unbekannten wird hier trainiert. Die gemeinsame Auswertung der auf Video aufgezeichneten Übungen unterstützt die Selbstwahrnehmung. Das Erlernen von Atem- und Entspannungs-Techniken ist notwendig, um die neue Sprechweise auch in Stress-Situationen anwenden zu können.

„In der dritten Woche gehen wir zusammen hinaus auf die Straße”, erklärt Dr. von Gudenberg. In der Kasseler Innenstadt heißt es dann, Passanten nach dem Weg zu fragen, Verkaufs-Gespräche in Einkaufszentren zu führen oder in Schulen am Unterricht teilzunehmen. Das Einbeziehen der Angehörigen ist wesentlicher Bestandteil der Lernstrategie. So gehen die Patienten vom 16. bis 18. Tag nach Hause, um dort in der vertrauten Umgebung von Schule oder Arbeitsplatz Aufgaben zu lösen.

Auch nach der Therapie wird niemand allein gelassen. Schließlich konserviert nur die umfassende Nachsorge den Behandlungserfolg. Tägliches Üben zuhause am Computer und die Teilnahme an Auffrischungskursen bewahren vor schweren Rückfällen und machen es möglich, die Sprechflüssigkeit auf dem erlernten Niveau zu halten.

Der Erfolg gibt dem nordhessischen Therapeuten-Team recht: Die überwiegende Mehrheit der Klienten konnte ihren Sprachfluss langfristig verbessern. Das ist wissenschaftlich belegt. Die Kasseler Stottertherapie ist Teil einer Langzeit-Studie der Universität Kassel, die international anerkannten Kriterien entspricht. Die Auswertung der Daten von über 450 Patienten seit 1996 bestätigt, dass die Stotterrate mit etwa drei Prozent gestammelter Silben in den Unauffälligkeits-Bereich sinkt. Das haben inzwischen auch die gesetzlichen Krankenkassen erkannt. In der Regel übernehmen sie die Kosten per Einzelfallentscheidung.

Auch die Patienten geben dem sehr persönlich und familiär geführten Institut beste Noten. „Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mit meiner Umwelt kommunizieren und mich um einen Beruf bewerben. Mein Leben hatte wieder einen Sinn”, bedankte sich ein Industriekaufmann aus Kall und ein Steuerfachangestellter aus Aurich meinte: „Ich hatte keine Angst mehr, mit fremden Menschen zu reden. Ich fühlte mich, als hätte der Postbote gerade das Rundum-Sorglos-Paket abgegeben....!”