Psychosomatik

Psychosomatik - Psychosomatische Kliniken bieten Hilfe zur Selbsthilfe
Die Angst um seinen Arbeitsplatz schlug Walter S. „auf den Magen“. Bei den vielen Überstunden konnte einem auch gehörig „der Appetit vergehen“. Nur zu oft ärgerte er sich über das Gerangel mit den Kollegen ein „Loch in den Bauch“. Magenschmerzen und Verdauungsprobleme gehörten schon lange zu seinem Alltag. Trotz mehrfacher medizinischer Untersuchungen ließen sich keine organischen Ursachen finden. „Vegetative Dystonie“ diagnostizierte sein Arzt und meinte damit eine Störung des Nervensystems, die den gesamten Organismus in Unordnung bringt und dadurch körperliche Beschwerden auslöst.

Gestörte Harmonie von Körper und Seele
So wie Walter S. geht es fast jedem zweiten Bundesbürger. Permanenter Stress, Leistungsdruck, Angst oder unterdrückte Gefühle stören die Harmonie von Körper und Seele. Der „Lebensmotor“ kommt aus dem Takt. Ohne sichtbaren Grund funktioniert die „Maschine Mensch“ nicht mehr: Atmung, Herzschlag, Blutdruck, Verdauung und Stoffwechsel sind gestört. Chronische Organschäden sind oft das traurige Resultat. Aus gelegentlichem Herzklopfen werden Herzschmerzen, aus Magendrücken ein Magengeschwür, aus sporadischen Durchfällen die chronische Darmentzündung. Medikamente bekämpfen nur die Symptome und lindern vorübergehend die Beschwerden. Eine dauerhafte Heilung muss an die Wurzeln gehen. Nur wenn die seelischen Ursachen aufgespürt werden, kann der Mensch gesund werden.

Hilfe zur Selbsthilfe
Körper und Seele verstehen und behandeln die psychosomatischen Fachkliniken in Hessen als Einheit. „Oft dauert die Odyssee von einem Facharzt zum anderen bis zu sechs Jahre, bevor die Patienten zu uns kommen,“ beklagt Dr. med. E. Hillenbrand, Chefarzt der Parklandklinik in Reinhardshausen das mangelnde Wissen über das Zusammenspiel von Körper und Seele. Hilfe zur Selbsthilfe steht im Mittelpunkt der Therapie. Gemeinsam mit dem Patienten wollen die Reinhardshauser „Gesundheitsfahnder“ die krank machenden Lebensumstände aufspüren und bewältigen. In vielen kleinen, oft schmerzhaften Schritten lernen die Patienten, sich dem Alltag neu zu stellen. Dabei werden Konflikte gelöst, die bisher vermieden wurden und Probleme gemeistert, die bislang unterdrückt wurden.

Emotionen neu erfahren und ausdrücken
Aktive Mitarbeit ist auf dem Weg zum neuen Selbstvertrauen gefragt. Sich selbst wahrzunehmen und liebevoller mit sich umzugehen ist Ziel von Einzel- und Gruppengesprächen. Schließlich sollen Kopf und Gefühl wieder in „eine Richtung marschieren“. Musik, Gestaltung und konzentrierte Bewegung gehören als wichtige Bausteine ins Behandlungskonzept. „Hier können Patienten ihre Emotionen deutlich erfahren und ausdrücken, ohne sie in Worte fassen zu müssen“, erklärt Dr. Hillenbrand. So erlebt der Patient, der im Musikraum zum leisen Zupfinstrument greift, dass er sich gegen die laute Pauke nicht durchzusetzen vermag. Erfahrungswerte, die für den Alltag trainieren: Die Stimme zu erheben und auch mal nein sagen zu können, wird zum persönlichen Erfolg.

Spaß an der Bewegung wird in der Sporttherapie vermittelt. Wer noch als Erwachsener schwimmen lernt, hat genügend Kraft, sich mit seinen Ängsten auseinander zu setzen. Ihren Körper zu erfahren und anzunehmen, lernen junge Frauen, die an Essstörungen leiden, besonders beim Trampolinspringen. Aktivität und Spontanität stehen auch im Mittelpunkt des Freizeitprogramms. Gemeinsames Töpfern und ein Fotokurs fördern die Kontaktfreudigkeit und vermitteln Erfolgserlebnisse. Beim Kegeln, Badminton, Tischtennis und im Winter beim Skilanglauf steht vor allem der Spaß im Vordergrund.

Veränderung der Lebensstrategie
Eine persönliche Umorientierung im geschützten Behandlungsrahmen einer psychosomatischen Fachklinik ist auch für Dr. med. P. Bernhard von großer Bedeutung. „In unserem Haus lernen die Patienten, sich mit belastenden persönlichen Erlebnissen und Problemen angstfrei auseinanderzusetzen“, betont der Ärztliche Direktor der Hardwaldklinik II in Bad Zwesten. Die Veränderung der Lebensstrategie steht dabei im Mittelpunkt des sechs- bis siebenwöchigen Aufenthaltes. „Der Mensch braucht Zeit, um innere und äußere Konflikte benennen und lösen zu können“, erklärt Dr. Bernhard. In Rollenspielen werden berufliche, familiäre und soziale Problemsituationen dargestellt und aufgearbeitet. Auch ohne Worte sollen die Patienten in Bad Zwesten ihre Gefühle ausdrücken. Der kreative Umgang mit Kreide, Farben oder Ton hilft, innere Bilder darzustellen.

Ärzte, Psychologen, Kreativtherapeuten und Krankenschwestern tragen ihre Erfahrungen zusammen und ziehen zum Wohle des Patienten an einem Strick. Eine Behandlungskette, die sich auch auf den weiterbehandelnden Hausarzt erstreckt. Spezielle Fachtagungen sollen den Arzt am Wohnort mit dem nötigen Hintergrundwissen ausrüsten. Auch nach der Entlassung aus der schützenden „Käseglocke“ der Klinik lassen die Bad Zwestener Therapeuten ihre Patienten nicht allein. Die Sozialberatung hilft beispielsweise bei beruflicher Neuorientierung und beantwortet rechtliche Fragen zum Kündigungsschutz, zum Rentenbezug und zur Sozialhilfe. In speziellen Arbeitslosengruppen werden Bewerbungen trainiert und Möglichkeiten zur Selbständigkeit erörtert.