Computer – und Internetsucht

Mit einem Mausklick aus der Realität
Klinik in Bad Soden-Salmünster will die Tür ins Leben wieder öffnen
Olli D. geht täglich auf die Reise. Er ist im Internet unterwegs. Seine neue Welt ist lebendig - und dort ist er ein Held. Stark und selbstbewusst. Er trotzt tödlichen Gefahren, bezwingt gefährliche Gegner und findet Waffenbrüder, die ihm in Zeiten der Not zur Seite stehen. Täglich muss er die Welt von "Azeroth" schützen. Schließlich wartet jenseits des Dunklen Portals ein uralter Feind auf die entscheidende Schlacht, die das Gesicht der Welt auf ewig verändern wird.
Olli D. spielt „World of Warcraft“ (WoW). Er ist nur einer von weltweit rund 12 Millionen Gamern, die in das seit Jahren erfolgreiche Online-Rollenspiel eintauchen. Seine Helden kämpfen gegen Oger und andere Monster. In seiner Gilde gehört er zur Spitze. Er organisiert „raids“, diskutiert in Foren und hilft schwächeren Spielern, das nächste Level zu erreichen. Das kostet Zeit. Wer am längsten online bleibt, wird belohnt. Bis zu 20 Stunden ist er an Spitzentagen im Netz - und will dabei nicht gestört werden. Seine Freunde sind virtuell. Never play alone. Das "rl", das real life, bleibt auf der Strecke.
Sein Ausstieg begann schleichend, für Familie und Freunde kaum wahrnehmbar. Aus ersten harmlosen Spielen eines Teenagers an der Playstation wurde im Laufe der Jahre der Rückzug aus dem Leben. Olli war nicht mehr zu erreichen, für niemanden. Seine Mahlzeiten fanden vor dem Bildschirm statt. Die Kumpel hingen ohne ihn ab. Seine Freundin trennte sich von ihm. Nur die Drohung, den Internet-Router auszuschalten, führte zu einer Reaktion. Wutausbrüche waren das einzige, was seine Mutter an Emotionen spürte. Die Angst vor den Stunden ohne WoW ließ seine Hände zittern und trieb ihm den Schweiß auf die Stirn.
Der junge Mann ist nur einer von vielen. Nach neuesten Zahlen sind mehr als eine Million Menschen süchtig nach dem Surfen im World Wide Web. Denn die Welt ohne Grenzen ist nicht nur ein Mekka für Informationssuchende. Der PC und die „MMORPGs“ (massively multiplayer online role-playing-games) schaffen Raum für individuelle Bedürfnisse, Phantasien und Träume. Wer sich im wirklichen Leben schwach und unattraktiv fühlt, macht seinen Avatar, seine Spielfigur, stark und schön. Um neue Leute kennen zu lernen, muss man noch nicht einmal vor die Tür gehen. Auch die seit 2003 online verfügbare virtuelle Welt von „Second Life“ (SL) entführt ihre Nutzer per Mausklick aus der Realität. Spielen, kommunizieren, Handel treiben: SL hat inzwischen mehr als elf Millionen registrierte Benutzerkonten, über die rund um die Uhr bis zu 60.000 Nutzer gleichzeitig in das System eingeloggt sind.
Die sozialen und gesundheitlichen Aspekte dieses Massen-Phänomens bleiben fast unbeachtet. Auch wenn das exzessive Spielen am Computer als Sucht noch nicht anerkannt ist, zeigen verschiedene Studien, dass rund zehn Prozent der jugendlichen und erwachsenen Gamer die Kriterien einer Abhängigkeits-Erkrankung erfüllen. Und der Markt wächst. Laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) wurden 2006 allein in Deutschland Spiele im Wert von 1,1 Milliarden Euro verkauft. Die Flucht aus der Realität erreicht immer neue Zielgruppen. In einer „Ellenbogen-Gesellschaft“ mit hoher Arbeitslosigkeit entdecken auch Frauen und ältere Nutzer das Spielen für sich.  Wissenschaftler der Berliner Charité haben anhand von hirnphysiologischen Untersuchungen bewiesen, dass Computerspielsucht auf vergleichbaren Mechanismen wie Alkohol- oder Drogen-Abhängigkeit beruht. Exzessives Zocken aktiviere vermutlich gleiche Strukturen im Hirn wie weiche Drogen, so die Charité.
Wer verhindern will, dass Menschen in der virtuellen Welt verloren gehen, muss genau hinsehen. Ein gestörter Tag- und Nacht-Rhythmus und ein schlechter Allgemeinzustand, vernachlässigte Körper-Hygiene und das unentschuldigte Fehlen in Schule, Studium und Beruf sind nachhaltige Hinweise auf das Suchtverhalten. Depression und Isolation sind die Folge.
Hilfe kommt aus Hessen. Mit dem Konzept zur Behandlung der „Internet- und Computersucht“ will Bad Soden-Salmünster die Tür zum Leben wieder öffnen. An den Erfolg von Reha-Zentren in den USA, China und Amsterdam anknüpfend, gibt die Kinzigtal-Klinik als deutscher Pionier den Familien ihre Kinder zurück. Der sechswöchige Aufenthalt ist bisher die einzige stationäre Rehabilitations-Maßnahme Deutschlands und für Erwachsene ab 18 Jahren gedacht.
Eine völlige Abstinenz von elektronischen Geräten ist nur der erste Schritt auf dem Weg zurück ins reale Leben. „Wer mit einem Laptop unter dem Arm kommt, muss es abgeben“, erklärt Dr. Rolf  Czwalinna, Chefarzt der psychosomatischen Abteilung. Intensive psychotherapeutische Einzel- und Gruppenbehandlung hilft, die Sucht auslösenden Faktoren aufzuarbeiten.
Sportherapie wie Nordic Walking, Schwimmen oder das Trainieren an Geräten bringt das Gefühl für den eigenen Körper zurück. Raus aus der Isolationsfalle ist das Ziel gemeinsamer Freizeit-Aktivitäten. Mit einem realen Partner Schach zu spielen, zu tanzen oder Gespräche zu führen, ist der Weg, wieder mit den eigenen Gefühlen in Kontakt zu kommen. Anfassen, spüren, riechen -  die Hippo-Therapie mit Islandpferden soll den Kontakt zu etwas nicht Künstlichem herstellen. Wer „sein“ Tier füttert, striegelt und beim Misten hilft, verliert vielleicht sogar die Angst und traut sich, es zu reiten. Mit progressiver Muskelentspannung gegen die „schwarzen Ränder“ unter den Augen: Das Erlernen von Entspannungstechniken verhilft zu erholsamem Schlaf. Kunst- und Musiktherapie, Bäder und Massagen bringen Körper und Seele wieder ins Gleichgewicht.
Wer sich zu einer Rehabilitation entschließt, hat den schwersten Schritt schon gemacht. Der Alltag mit normalen Menschen mit einer ganzen Bandbreite von Erkrankungen gehört in Bad Soden-Salmünster zum Therapie-Konzept. „Wir wollen keine Insel-Lösung“, erklärt Christian Baumbach, kaufmännischer Leiter der Kinzigtal-Klinik. „Schließlich sind wir keine Suchtklinik. Wer zu uns kommt, ist Gleicher unter Gleichen."
Das Aufbrechen von Tabus steht für den Psychologen im Vordergrund. „Die Diagnose Internetsucht gibt es noch gar nicht. Schwere Depressionen und Angst- Erkrankungen heißt es heute noch als Befund auf den Anträgen, damit Krankenkassen oder Rentenversicherer die Kosten für den Aufenthalt übernehmen."
Der Erfolg macht die hessischen Pioniere zuversichtlich. Behandelte Patienten konnten psychisch und physisch stabil entlassen werden, waren kontaktfreudiger, aktiv und optimistisch. Das "rl" hat eben doch die beste Grafik...!
Weitere Auskünfte gibt’s beim Hessischen Heilbäderverband, Le Cannet-Rocheville-Straße 1, 61462 Königstein im Taunus, Telefon (0 61 74) 92 65 23, Fax (0 61 74) 23 64 8.