Bad Salzschlirf

Jugendstil in Bad Salzschlirf

Informationen

Dem aufmerksamen Besucher des schönen Badeortes entgeht bei Spaziergang oder Ortsdurchfahrt nicht, dass das Ortsbild auch von Häusern geprägt wird, die viele gemeinsame Fassaden- und Baukörpermerkmale aufweisen. Und trotzdem können sich die Gebäude in anderen architekonischen Teilen sehr wesentlich voneinander unterscheiden. Der kritische Gast erkennt an vielen Baulichkeiten des Kurortes einen überaus reichen Fassadenschmuck in Form vorzüglicher Stuckarbeiten. Ornamente, Bänder, Medaillions, Rollwerk, barocke Kartuschen, Gesimse, Säulen, Fensterschürzen, Giebel, Balkons und einfache Wände sind hauptsächlich mit Elementen aus der pflanzlich-naturalistischen Welt verziert. Blumengirlanden, Blumensträuße, Blüten, Fruchtgehänge, Zweige, Blattzöpfe, Blätter, Stiele, Knospen, Schoten, Weintrauben . . . findet der suchende Blick. Eine Fülle von Blatt- und Blütensystemen, von Stielen und Stängeln ist in Schnörkeln oder Wellenlinien, in Flechtwerk und Spiralen auf eine Leerfläche aufgesetzt.
Neben den floralen Motiven stößt der Beobachter aber auch auf markante Menschenköpfe, liebliche Frauengesichter, böse Speier, geplagte Atlanten, zierliche Drachen, stolze Adler, einfache oder verzierte Vasen und üppige Füllhörner. Selbst maurische Arkaden, fernöstliche Zweigmotive und effektvolle Baldachine kann man in kleinem Umfang bewundern. Horizontale und vertikale Leitlinien bringen in das beschwingte Linienspiel zwar etwas Ruhe und Ausgewogenheit, der Gesamteindruck aber verdichtet sich zu einem befreiten Schwingen in weichen Grenzen. Plötzlich steht der Kunstfreund vor mariatheresianischen Häusern, die außer filigranen Balkongittern vorwiegend strenge barocke Stilelemente erkennen lassen. Andere Häuser wieder scheinen dem englischen Landhausstil in Fachwerk und Giebelform verwandt zu sein.
Diese gewaltige Stilfülle mit weichen, schwingenden, flechtenden, kletternden, durchbrechenden, umklammernden, sinkenden, fallenden, strengen, widersprüchlichen Linien, die mehr oder weniger das Schöne der ganzen Welt wohlwollend umfasst, offenbart sich in Bad Salzschlirf als Ergebnis der Zeit zwischen 1890 und 1914. Das war eine Zeit, die den Menschen frohen Optimismus und positive Lebenseinstellung suggerierte, die von Strenge, Zwang und Uniformierung abrückte, die Erfüllung der Sehnsüchte einer Gesellschaft verhieß, um den Zeitgenossen im freien Schaffen ein hohes Maß an kreativer Freiheit zu schenken. Die Zeitgenossen gaben dieser kurzen außergewöhnlichen Kunstepoche den bezeichnenden Namen Jugendstil.
Markantestes Bauzeugnis des "jugendfrischen Stils" ist das bedeutendste Bauwerk Bad Salzschlirfs, das Kurhotel Badehof. Es wurde im Jahre 1905 begonnen und 1912/13 vollendet. Der Jugendstil befand sich damals einerseits in seiner Hochblüte, andererseits verwelkte er schon im Gespött seiner Kritiker. Am Baukörper des Hotels und seiner Fassadengestaltung lässt sich dies deutlich ablesen. Das Kernstück des Badehofs, das 1906 feierlich eingeweiht wurde, zeigt die klassischen Elemente der "Neuen Kunst". Von der Nordseite her präsentiert sich das Gebäude als ein kubischer Sandsteinbau mit hoher Kuppel und drei kupfergedeckten Turmbauten. Der Architekt bevorzugt quadratische Grund- und Aufrisse und damit auch die Staffelung der blockhaften Quader. Die Wandlungen schwingen dabei im vertikalen und horizontalen Rhythmus. In den Dreiecksgiebeln findet man die typischen Schwünge der Peitschenschlagbogen. Sie orientieren sich streng von der Giebelachse her. Wellenlinien und bescheidene florale Muster bestimmen dabei die in Bewegung geratene Architektur wechselseitig. Der Fassadenschmuck ist beinahe spärlich, er wirkt streng linear.
Ganz anders zeigt sich der Anbau zur Lindenstraße. Hier steht ein in vielen Elementen nachempfundener barocker Palast mit ausgeprägten Bogengiebeln, die ihren Umriss mit einem kräftigen Sims noch unterstreichen. Die vertikalen Linien gehören hauptsächlich zu aufgestuckten Flachsäulen mit gezierten Kapitellen. Balkons und ornamental gestaltete Fensterschürzen unterstreichen die horizontale Linienführung. Feingegliederte Balkongitter mit Spiralkombination im Zentrum werden durch Vasen mit Sockel stabilisiert. Die Bogengiebel weisen einen reichen Zementstuck auf, dessen Leitlinien die klassischen Formen des Jugendstils verlassen, um anderen Stilelementen in Ornamenten und Fries den Platz zu räumen. Der "schwingende Baukörper" verkrampft dabei etwas zum kolossalen Monument. Dass der Badehof mit dem modernsten Komfort seiner Zeit ausgestattet war, versteht sich von selbst, denn der Jugendstil ist nicht nur Ära der Künstler und Architekten, sondern auch die blühende Epoche für das Kunsthandwerk. Kunstschreiner, Kunstschmiede, Kunstmaler, Glaser usw. bemühten sich in Möbeln, Tapeten und Interieur den "jungen Geist" in ihre Kreationen einfließen zu lassen. Alte Fotos geben davon ein beredtes Zeugnis.
So ist heute das Kurhotel Badehof ein "Denkmal" des Jugendstils. Vor dem Ersten Weltkrieg strahlte der imposante Bau mit seinen Linien und Flächen motivierend in den alten Ort. Mancher Hausbesitzer entschloss sich, sein Fachwerkgebäude im architektonischen Geiste des Badehofs zu modernisieren; das große Verputzen und Stuckieren begann. Das Gesicht des Badehofs schmückt sich "jugendstilistisch" und wurde somit zum Zeugen der großen Aufbauphase des Heilbades. Die erblühenden Blumen in Fries und Ornament, Arabeske und Band wurden zu Symbolen für die Epoche des aufblühenden, weltweit anerkannten, der Menschheit dienenden "Jungbrunnens" Bad Salzschlirf.